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„Für mein eigenes «Schaffen» ist die Bibel sicherlich sehr wichtig“

Monika Muskała: Wie ist ein 40-jähriger Mann darauf gekommen, einen Monolog für ein 10-jähriges Mädchen zu schreiben, noch dazu einen Monolog zum Thema Tod? 

Jans Raschke: Kurz gesagt: Ich war zur richtigen Zeit am richtigen Ort. Ich lasse mich zu meinen Stücken sehr gerne, wenn auch eher unfreiwillig, von Bildern inspirieren, von Fotografien (wie etwa bei meinem Stück „Was das Nashorn sah, als es auf die andere Seite des Zauns schaute“, wo es die Schwarzweißfotografie des Bärenzwingers im KZ Buchenwald war) ebenso wie von Dingen, die mir im täglichen Leben begegnen. Bei „Schlafen Fische?“ war es so: Im Sommer 2010, während der Fußball-WM in Südafrika, besuchte ich einen guten Freund, um bei ihm ein Spiel zu schauen. Es war ein sonniger Nachmittag, und ich stieg aus dem Bus aus, an einer Haltestelle, die direkt an einem der größten Friedhöfe meiner Heimatstadt Kiel liegt. Normalerweise stehen dort kleine Grüppchen von älteren Herrschaften (meistens Damen), die gerade von der Grabpflege kommen und miteinander plaudern. Dieses Mal jedoch stand noch jemand anderes da: ein kleines Mädchen, vielleicht zehn, zwölf Jahre alt, bewaffnet mit einer  Plastikschippe und einer Gießkanne, ganz allein, als würde sie darauf warten, dass jemand sie dort abholte. Das war ein Bild, das sich mir sofort einprägte und viele Fragen auslöste: dieses unverzagte Mädchen direkt vor dem Friedhof. Ein paar Monate später sprach ich dann mit dem Leiter des Kinder- und Jugendtheaters in Kiel, für das ich damals noch regelmäßig schrieb, über einen neuen Stoff, der für mich infrage käme, und sofort machte ich den Vorschlag, über dieses kleine Mädchen zu schreiben. Mir war auch gleich klar, dass das ein Einpersonenstück sein müsste, da ich diese Theaterform sehr schätze. Ich mag es sehr, wenn ich mich eine Stunde lang auf einen einzigen Menschen und seine Probleme konzentrieren kann, auf seine Gedanken und Ängste. Da geht es mir als Zuschauer nicht anders als als Autor oder Regisseur. Dass es dabei auch um das Thema Tod ginge, ergab sich ja beinahe zwangsläufig. Wobei ich nicht sagen würde, dass der Tod das wichtigste Thema des Stückes ist, sondern eher die Frage: Wie geht es danach weiter? Und zwar für die, die noch leben? Wie geht man mit Trauer um? Muss man sie unbedingt loswerden oder lässt es sich mit ihr leben?

 

Du hast dich sehr einfühlsam in die Vorstellungswelt eines Kindes hineinversetzt. Kennst du so gut Kinder, ihre Phantasiewelt – hast Du selber Kinder? Oder ist die Erinnerung an eigene Kindheit noch so präsent?

Als ich das Stück schrieb und inszenierte, hatte ich noch keine Kinder. Ich bin erst seit ein paar Monaten stolzer Vater eines kleinen Sohnes. Ich finde das aber auch eher unerheblich. Schließlich war jeder Mensch selber mal ein Kind und kann sich wahrscheinlich noch an viele seiner damaligen Gedanken und Ängste erinnern. Und außerdem sehe ich gerade hierin den größten Reiz am Erfinden und Entwickeln einer Figur: nämlich sich in eine Person zu vertiefen, die einem zunächst so fremd und fern wie nur irgend möglich erscheint. Da geht die Phantasie doch erst richtig los, finde ich. Ganz egal, ob es sich dabei nun um ein zehnjähriges Mädchen oder um einen russischen Bärenjungen handelt.

 

Der Tod ist kein gewöhnliches Thema für ein Kindertheater, eine Friedhofallee kein gewöhnlicher Ort für die Handlung eines Kinderstückes. Dein Stück hat aber in Mülheim gewonnen, wird seit 3 Jahren erfolgreich gespielt und wurde in mehrere Sprachen übersetzt. Woran liegt es? Hat sich das Kindertheater geändert? Oder sind die Erwachsenen heute weniger naiv und nehmen die Kinder ernst?

Es stimmt, mein Stück hat in Mülheim gewonnen und auch als Hörspieladaption einen Preis gekriegt, beides sehr überraschend für mich; aber das bedeutet leider noch lange nicht, dass es in allen Theatern rauf und runter gespielt und außer am Totensonntag noch an anderen Tagen gesendet wird. In Deutschland gab es bislang erst etwa sechs Inszenierungen seit 2012. Für ein so unaufwändiges Solostück ist das eher bescheiden. Ich weiß aus persönlichen Gesprächen mit Theatermachern, dass man vielerorts doch gewaltig Angst davor hat, sein Publikum zu vergraulen. Das heißt natürlich nicht die Kinder, sondern die Erwachsenen – Eltern und Lehrer -, die befürchten, ihr Kind könnte durch das Stück schlaflose Nächte und Alpträume bekommen und unangenehme Fragen stellen (so wie Jette im Stück ihrem Vater unangenehme Fragen stellt). Ich freue mich sehr darüber, dass „Schlafen Fische?“ außerhalb Deutschlands auf großes Interesse stößt. Es gibt bislang Inszenierungen in Schweden, Polen und Ungarn und weitere Übersetzungen ins Arabische, Russische und Spanische. In Georgien und Estland gab es szenische Lesungen, und mit meiner eigenen Inszenierung war ich 2014 zu Gast auf einem europäischen Kindertheaterfestival in Mexico City. Das war dort sehr interessant, wie man plötzlich in seinen eigenen Vorurteilen ertappt wird: Natürlich dachte ich, pah, in Mexiko frühstücken sie am Tag der Toten auf dem Friedhof und singen und tanzen auf den Gräbern, was soll man denen schon über den Tod und den Umgang mit der eigenen Trauer erzählen? Als dann die Erwachsenen im Publikum genauso reagierten wie die Erwachsenen in Deutschland (sie schluchzten leise, während ihre Kinder sich glucksend amüsierten und interessiert zuhörten), war ich doch sehr erstaunt. Danach hat mir dann unser mexikanischer Inspizient mit feuchten Augen erklärt, dass man gerade in Mexiko so viel Angst vorm Tod hat wie wohl sonst kaum anderswo auf der Welt. Stichwort: Kartelle, Drogenkriege und so weiter. Und auf den Gräbern frühstücken und tanzen darf man da übrigens auch nur einmal im Jahr, ansonsten ist es streng verboten.

 

Du hast sehr unkonventionell für einen Erwachsenen über den Tod nachdenken müssen, manchmal gehst du auch ein wenig „pietätlos“ mit dem Thema um, was den Kindern aber sehr gefällt, sie fühlen sich angesprochen von dieser direkten Art, Dinge beim Namen zu nennen – ist das ein Erfolgsrezept für Kinderstücke?

Ich habe es in der Tat sehr genossen, während des Schreibens jeglichen erworbenen und anerzogenen Respekt vorm Tod über Bord zu werfen und ganz naiv und klar auf das Thema zu schauen und noch einmal die Fragen zu stellen, auf die ich bis heute keine Antwort erhalten habe: Wieso müssen wir sterben? Was kann ich dagegen tun, dass meine Leiche von irgendwelchen Insekten aufgegessen werde? Ach ja, und schlafen Fische überhaupt? Als „Erfolgsrezept“ würde ich das nicht bezeichnen, eher als absolute Notwendigkeit, wenn man für Kinder und über Kinder schreibt: sie ernst zu nehmen und ihnen auch ehrlich zu zeigen, dass man auch als Erwachsender nicht alles weiß.

 

Beim Thema Tod erwähnst Du nicht Gott, aber es gibt in Deinem Stück eine Art Leben nach dem Tod, eine Kontinuität und ein Mysterium...

Das Leben nach dem Tod, um das es in „Schlafen Fische?“ geht, ist nicht das, worum es in der Religion (egal, in welcher) geht. Jette gibt ganz offen zu, dass sie ihren Bruder angelogen hat, als sie ihm von seinem eigenen Paradies, dem „Pizzahimmel“, erzählt hat, und mit dem Gerede des Pfarrers auf der Beerdigung kommt sie auch nicht klar. Sie merkt aber, dass ihr toter Bruder dennoch irgendwie weiterlebt: in ihrer Erinnerung, wozu auch der Schmerz der Trauer gehört. Für mich ein tröstender Gedanke. Der Schmerz lässt uns nicht vergessen.

 

Bist Du ein gläubiger Mensch? Glaubst Du, dass Religion für den heutigen Menschen wichtig ist und soll in den Schulen unterrichtet werden? Oder kann man besser die Kinder über die Kunst aufklären und zu verantwortlichen, bewussten Mitgliedern der Gesellschaft erziehen?

Ich bin selbst kein gläubiger Mensch, halte das aber eher für einen Zufall. Allerdings fand ich die Bibel schon immer ungemein faszinierend, sowohl die Archaik des Alten als auch den dramatischen Konflikt im Neuen Testament. Jedoch alles eher auf einer literarischen, dramaturgischen Basis. Für mein eigenes „Schaffen“ ist die Bibel sicherlich sehr wichtig. Mal weniger, mal mehr offensichtlich (wie zuletzt in meinem aktuellen Stück „Ich bin Kain“). Der Glaube an ein Jenseits ist für viele Menschen heutzutage sehr wichtig, wie man ja immer deutlicher sehen kann. Leider. Man sollte sich lieber aufs Diesseits konzentrieren, ich denke, das ist schon anspruchsvoll genug.

 

Dein zweites Kinderstück, das 2014 mit dem Deutschen Kindertheaterpreis ausgezeichnet wurde, erzählt über den Holocaust aus der Perspektive der Tiere. Es hat tatsächlich ein Zoo neben dem KZ im Buchenwald gegeben. Die Tiere schauen sich die Vorgänge hinter dem Zaun an. Ist das Thema des rassistisch motivierten Massenmordes nicht zu schwierig, zu brutal, zu unfassbar für Kinder?

Mein Stück „Was das Nashorn sah, als es auf die andere Seite des Zauns schaute“ ist kein dokumentarisches Stück über den Holocaust, geschweige denn über den realen Alltag in einem KZ. Ich bin der Meinung, dass sich hierüber kein Theaterstück schreiben lässt; zumindest kann ich es nicht. Und will es auch gar nicht. Die Wörter „Holocaust“, „Konzentrationslager“ oder „Buchenwald“ kommen in dem Stück nicht vor; gleichwohl lieferte mir der historische Zoo im KZ Buchenwald sozusagen die Folie für mein Stück, in dem es in erster Linie ums Weg- und Hinschauen geht – ein Thema, das nachwievor von großem Belang ist und wohl auch immer bleiben wird. Das soll nun natürlich nicht heißen, dass das Thema Holocaust nur im Hintergrund mitschwingt – das  keinesfalls! Ich wünsche mir nichts mehr, als dass sich das junge Publikum später einmal, wenn es dieses äußerst komplexe Thema in der Schule durchnimmt, an mein Stück erinnert. Mal ganz abgesehen davon kann eine Aufklärung über das, was vor gerade einmal einem Menschenleben in Deutschland passiert ist, nicht früh genug passieren, gerade heute, wo Ausländerfeinde mit ihren Babies auf den Schultern zu Tausenden wieder ungeniert durch die Straßen ziehen und für ein rassenreines Deutschland demonstrieren.

 

Wie bist Du auf die Idee gekommen?

Anfang 2013 las ich mit großem Vergnügen Tuvia Tenenboms sehr polemisches Buch „Allein unter Deutschen“, in welchem er seine Recherchereise als Jude durch Deutschland beschreibt. Im Kapitel über Weimar und Buchenwald war dann ein Foto der Ruine des Bärenzwingers, welches mich sofort gefesselt hat. Ich habe dann gleich angefangen, über den Zoo nachzuforschen, ohne da bereits zu wissen, ob ich daraus eines Tages mal ein Stück, ein Buch oder einen Film machen könnte. Irgendwann, nach einem Besuch in der Gedenkstätte Buchenwald, kam mir dann die Idee mit der tierischen Parallelgesellschaft am Randes des KZs und ich habe ein Stück geschrieben.

 

Gibt es schon Aufführungen?

Die Uraufführung hat sich erfreulicherweise das Deutsche Nationaltheater in Weimar gesichert, das keine zehn Kilometer von dem realen Zoo entfernt liegt. Danach wurde es in Innsbruck und Düsseldorf inszeniert, immer sehr, sehr unterschiedlich, mal mit großem Kostüm- und Maskenaufwand, mal ganz pur ohne alles. 2016 und 2017 folgen etwa vier oder fünf weitere Inszenierungen in Deutschland und Österreich. Eine holländische Theatertruppe ist sehr interessiert, aber anscheinend ist man dort ähnlich vorsichtig mit solch brenzligen Stoffen fürs Kindertheater wie hierzulande. Eine etwas entschärfte Hörspielfassung wird im November gesendet.

 

Wie reagiert das junge Publikum? Sind die Kinder heutzutage reifer, dass man ihnen solche Themen wie Tod oder Holocaust zumuten kann, ohne dass man sie dabei überfordert?

Was die Reaktionen betrifft, kann man schon sagen, dass heutige Kinder mehr über das Thema Holocaust, Drittes Reich, Nazideutschland usw. wissen als ich es in ihrem Alter tat. Das liegt natürlich an den neuen Medien und an einer etwas größeren Unbefangenheit im Umgang damit. Es ist eben doch ein Unterschied, ob der Großvater, den man noch persönlich kannte, in der Wehrmacht war oder der tote Urgroßvater. Diese Unbefangenheit, die einerseits eine große Chance ist, birgt andererseits allerdings auch die Gefahr der Verharmlosung in sich, nach dem Motto: Das alles ist jetzt doch schon so lange her, was geht das uns heute an? Was haben wir damit zu tun, es war doch nicht unsere Schuld? Aber: „Der Schoß ist fruchtbar noch, aus dem das kroch“, das wusste schon Bertolt Brecht.

 

Dein neuestes Kinderstück, das im Januar in Weimar uraufgeführt wird, heißt ICH BIN KAIN und handelt vom Anfang der Menschheit... Könntest Du mehr darüber verraten?

Ich habe mich schon seit längerem gefragt, ob die biblische Figur des Kain seinen schlechten Ruf wirklich verdient hat. Natürlich, er ist der erste Mörder überhaupt (zumindest, wenn man der Bibel und auch dem Koran glauben darf)  – aber das Töten hat er allem Anschein ja nicht erfunden, sondern sein Bruder Abel, der ja bekanntlich Viehzüchter war und nicht wie Kain Ackerbauer. Mal abgesehen davon, dass Kain somit, rein evolutionstheoretisch, auf einer höheren zivilisatorischen Stufe als sein jüngerer Bruder steht, waren meine Sympathien immer schon für den älteren, klügeren, aufgeklärteren Kain größer als für seinen blindlings gottesfürchtigen kleinen, dummen Bruder, der für seinen Glauben ohne zu zögern Lebewesen opfert. Das war eigentlich der erste Impuls für das Stück: die Geschichte neu zu erzählen, die Leerstellen zu füllen, die Figuren neu zu bewerten. Ursprünglich sollte es eine deutliche Parabel auf den religiösen Fanatismus von heute werden, über irregeleitete Kinder, die in einen sogenannten heiligen Krieg ziehen, bevor sie sich selbst die Schuhe zubinden können. Ich fand dann jedoch die Vorstellung, ein Stück darüber zu schreiben, wie Kain die Dinge gesehen haben könnte, doch interessanter. Übrigens kommt auch die Schlange bei mir besser weg als in der traditionellen Lesart. Immerhin hat sie uns Menschen zu dem gemacht, was wir heute sind: intelligente Lebewesen. Zumindest manchmal …

 

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Jens Raschke wurde 1970 geboren. Nach dem Studium der Nordischen Literaturwissenschaft und Geschichte arbeitete er als Dramaturg am Schauspielhaus Kiel, dem Theater am Neumarkt in Zürich, der Folkwang-Universität in Essen und weiteren Theatern. Seit 2003 gehört er zum Leitungsteam des internationalen Monodramafestivals Thespis in Kiel. Seit 2007 arbeitet er kontinuierlich als Autor, Dramaturg und Regisseur für das Theater im Werftpark, das Kinder- und Jugendtheater des Theaters Kiel.

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Muskała Monika[autor]

MONIKA MUSKAŁA - tłumaczka literatury niemieckiej, autorka sztuk teatralnych. Publikuje w Polsce i za granicą. Współpracowała z "Gazetą Wyborczą" i Polską Sekcją BBC. Stale współpracuje z miesięcznikiem "Didaskalia" oraz z krakowską serią "Dramat Współczesny". Z mężem, Andreasem Horvathem, austriackim fotografem i dokumentalistą, wydała dwa albumy zdjęciowe: Jakutien (2003) i Heartlands (2007).  Współpracowała z nim także przy realizacji filmów THIS AIN´T NO HEARTLAND (2004, Grand Prix, Chicago) i Z punktu widzenia emerytowanego portiera (2006, Kryształowy Glob, Karlovy Vary). Stypendystka programu Homines Urbani w 2004 roku. Trzykrotnie została wyróżniona Premią dla Tłumaczy austriackiego Urzędu Kanclerskiego.